Sie sind hier: Startseite Lexikon Gerechtigkeit

Was "Gerechtigkeit" in der Bibel NICHT bedeutet

In unserer heutigen deutschen Gesellschaft verstehen wir unter Gerechtigkeit einen angemessenen Ausgleich der Interessen und eine angemessene Verteilung von Gütern und Chancen.Wenn wir an Gerechtigkeit denken, denken wir an Marx und Engels, an eine gerechte Bezahlung der Textilarbeiter in Bangladesh und an Fair-Trade-Produkte.

Diese Form der Gerechtigkeit kommt in der Bibel praktisch nicht vor, weil sie nach biblischen Maßstäben entweder viel zu wenig und völlig unzureichend ist, oder weil es einen noch höheren Wert gibt, der der Gerechtigkeit in unserem Sinne einen nachgeordneten Platz zuweist.

Hinzu kommt, das Gerechtigkeit immer nur ein Gefühl sein kann, niemals eine Tatsache. Und dieses unser Gefühl für Gerechtigkeit ist abhängig von unserer eigenen Geschichte, von der Zeit und Umgebung in der wir leben, von der uns prägenden religiösen Haltung, vom Zeitgeist und vielen individuellen Tatsachen, wie z.B. ob wir selber dazu neigen, uns als Opfer zu sehen oder eher dazu neigen, das Leben in die Hand zu nehmen.

Infolgedessen kann die Bibel über ein Gefühl wie "Neid" Aussagen von ewiger Bedeutung machen, weil sich dieses Gefühl und seine Bewertung im Laufe der Menschheitsgeschichte nicht geändert hat, kann aber über das Gefühl der "ausgleichenden Gerechtigkeit" kaum ewig gültige Aussagen machen, da dieses Gefühl individuell und gesellschaftlich sehr unterschiedlich und teilweise sogar gegensätzlich sein kann.

Jesus und die ausgleichende Gerechtigkeit

Am bekanntesten ist hier Jesu Gleichnis über die extrem auseinanderklaffenden Stundenlöhne für landwirtschaftliche Hilfskräfte. Das ist eine typische Geschichte für die biblische Ansicht, dass Gerechtigkeit einfach zu wenig ist: Der Bauer fragt am Ende den Beschwerdeführer, warum er sich darüber beschwert, dass der Bauer gütig (und damit weit mehr als gerecht) ist.

Weniger bekannt ist der Vorgang in Lukas 12, Vers 13, wo ein Mann Jesus bittet, dass Jesus seinen Bruder dazu bringen soll, das Erbe mit ihm zu teilen, was ja nur gerecht gewesen wäre. Jesus weigert sich an dieser Stelle mit den Worten:

"Mensch, wer hat mich als Richter oder Erbteiler über Euch gesetzt?"

Und Jesus begründet anschließend mit einem Gleichnis, warum er nicht bereit ist, sich für irdische Gerechtigkeit einzusetzen: Weil die Betroffenen dann hinterher viel mehr Geld als vorher haben, das Ergebnis aber nur ist, dass sie wohlhabend zur Hölle fahren. Hier gibt es also einen Wert, der noch höher ist als irdische Gerechtigkeit, nämlich eine Seele, die kompatibel zum Himmel ist.

Als die Frau im Haus von Simon das teure Parfüm über Jesus ausgoß (Matthäus 26,7), beschwerte sich Judas über diese Verschwendung und argumentierte, man hätte das Parfüm für viel Geld verkaufen und das Geld den Armen geben können. Jesus widerspricht ihm mit dem Hinweis darauf, dass es hier einen noch höheren Wert als die ausgleichende Gerechtigkeit gibt, nämlich die Ehre Gottes oder die Ehre Jesu, und die Frau hat diesem höheren Wert gedient.

Es würde zu weit führen, jetzt alle die Punkte in der Bergpredigt anzuführen, in denen Jesus unser Gefühl für Gerechtigkeit missachtet. So verlangt er von den Gläubigen, mit einem römischen Soldaten, der einen zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen und sein Gepäck zu tragen, eine zweite Meile zu gehen. Und wenn jemand mir meinen (!) Mantel nehmen will, den soll ich auch noch das Kleidungsstück von unter dem Mantel geben. Die Feinde zu lieben und für die zu beten, die uns hassen, ist wahrlich mehr, als diese verdient haben, und die andere Backe hinhalten zu müssen, wenn man geschlagen wird, hat mit Gerechtigkeit nichts mehr zu tun. Die Begründung in Mt 5,48 ist, dass wir nicht etwa einigermaßen gerecht wie alle anderen sein sollen, sondern vollkommen wie Gott. Und Gott ist eben nicht gerecht, sondern viel mehr als das.

Altes Testament

Im Alten Testament kommt die ausgleichende Gerechtigkeit nicht vor, weil das Gesetz des Mose weit höhere Ansprüche an die Bürger Israels stellte als nur gerecht zu sein. Die Anordnungen rund um Sabbatjahr und Jobeljahr (nachzulesen in den entsprechenden Artikeln dieses Lexikons) standen so hoch über jeder Gerechtigkeit, dass die Forderung nach ausgleichender Gerechtigkeit einer Bankrotterklärung des Gesetzes gleichgekommen wäre.

Auch viele kleinere Forderungen im Gesetz gingen weit über die uns bekannte Gerechtigkeit hinaus. So durfte man die Ränder von Acker und Weinberg nicht abernten, und man durfte auch keine Nachlese halten, sondern musste das alles den Bedürftigen überlassen. Aus Sicht des Bauern ist das aber zutiefst ungerecht, denn es ist SEIN Saatgut und SEINE Arbeit, die da drin stecken und von denen er jetzt nichts hat. Auch solche Anordnungen wie die Pflicht, den Esel des Feindes zu ihm zurück zu bringen, wenn der weggelaufen ist und man ihm zufällig begegnet ist, ist nicht gerecht, und ähnliches gibt es darüber, wenn das Vieh meines Feindes in eine Zisterne gefallen ist. Zudem gab es die Pflicht, das Verarmen des Nachtbarn zu verhindern (Levitikus 25,35), selbst dann, wenn der selbst schuld war an seinem Konkurs.

Ausgleichende Gerechtigkeit galt also im Alten Testament als ganz und gar nicht ausreichend und völlig ungenügend. Was einfach daran lag, dass Gott weit mehr als nur gerecht war, und die Israeliten als Gottes Volk sollten Gottes Wesen wiederspiegeln.




Ende der Seite

>