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Der Kanon des Neuen Testaments

Dieser Artikel handelt davon, warum welche Texte Teile des Neuen Testamentes geworden sind. Die Frage ist deshalb wichtig, weil nur Texte, die es ins Neue Testament geschafft haben, heute als verbindlich für Leben und Glauben der Gläubigen und der Gemeinden anerkannt werden.

Nachdem Jesus als menschliche Person endgültig von dieser Erde verschwunden war, gab es erstmal 20 Jahre lang keine schriftlichen Aufzeichnungen, über die wir etwas wissen. Erst dann beginnt Paulus, Briefe zu schreiben, und einige andere Personen schrieben Berichte über das Leben Jesu, die später in die Evangelien einflossen, die wir aber an sich nicht mehr kennen.

Die "Evangelisten" fingen dann an, größere Berichte über das Leben Jesu zu schreiben, aber jeder für eine andere Zielgruppe. So wurde das Matthäusevangelium zuerst in Palästina bekannt und dort gelesen, weil es für jüdische Leser geschrieben war, während Lukas für einen namentlich bekannten Griechen schrieb und Markus ganz offensichtlich für italienische Leser.

So ergab sich also die Lage, dass man in Korinth einige Briefe von Paulus hatte, in Jerusalem das Matthäusevangelium, in Ephesus einen Paulusbrief und in Rom ein Evangelium. Und so weiter.

Und weil diese Texte von Leuten stammten, die noch direkt mit Jesus Kontakt gehabt hatten, und weil die Evangelien z.B. sich von allen anderen Berichten über das Leben Jesu durch ihre Sachlichkeit und einen ziemlichen Mangel an Interpretation unterschieden, darum verbreiteten sie sich langsam über den ganzen Mittelmeerraum. Der Korintherbrief war gut, also wollte man ihn Rom auch lesen, und dort fand man ihn auch gut und behielt eine Abschrift, und so ging es überall. Johannes fand schon die drei anderen Evangelien vor und schrieb als Ergänzung ein eigenes, dessen Kraft und göttliche Wahrheit ebenfalls überzeugten, und so verbreitete sich sein Evangelium auch.

Für diese Verbreitung gab es aber keinen menschlichen Plan. Qualität und Authentizität setzten sich einfach durch. Was eindeutig das Ziel verfolgte, Christus zu erklären und zu verherrlichen, das verbreitete sich, und andere Texte (z.B. über die Kindheit Jesu oder über die besondere Rolle der Maria) fielen im Lauf der Zeit durch.

Und irgendwann nach dem Jahr 100 n.Chr. fingen die Gläubigen an, alle die Schriften zu sammeln, die von Aposteln stammten oder als von ihnen autorisiert galten. Denn die Augenzeugen, die man bis dahin immer noch mal getroffen hatte und hatte fragen können, die waren alle gestorben, und man hatte Sorge, dass einem das, was wirklich wahr war, durch die Finger rann.

Als man mit dem Sammeln begann, waren allerdings einige Briefe von Paulus schon im Müll gelandet, so dass wir heute wissen, dass Paulus noch mindestens einen weiteren Brief nach Korinth geschrieben hat und wohl auch einen nach Laodizea, aber als die Sammler ihr Werk begannen, war es schon zu spät, die Briefe waren verloren gegangen.

Einen ersten Kanon stellte ein Herr Marcion im Jahr 140 n.Chr. auf. Er bestimmte, welche Schriften die Wahrheit über Gott und Jesus sagten und welche nicht. Allerdings war er ein ziemlicher Antisemit, so dass er alles, was irgendwie jüdisch klang, ablehnte. Folglich ist sein Kanon recht klein, es fehlt das ganze Alte Testament, und er hat nur ein Evangelium, nämlich das von Lukas.

Und so kam es in den nächsten Jahrhunderten immer wieder dazu, dass irgendwelche Gemeindeleiter Listen aufstellten, welche Texte im Gottesdienst gelesen werden konnten. Und weil sich allgemein die Meinung durchsetzte, dass man nur von Aposteln stammende oder von Aposteln autorisierte Texte akzeptieren sollte, darum glichen sich die Listen immer mehr an, je weiter sich die einzelnen Schriften im Mittelmeerraum verbreiteten.

Und als die Synode in Rom im Jahr 382 unter Papst Damasus schließlich offiziell den Kanon des Alten und Neuen Testamentes festlegte, bestätigte sie nur das, was ohnehin längst Standard in den Gemeinden war. Wobei die Synode in Rom hauptsächlich eine Synode der griechischen Gemeinden war, und so war ihre Entscheidung keineswegs von vornherein für alle Gemeinden verbindlich. Aber sowohl die afrikanischen Gemeinden als auch die syrischen führten in den folgenden 20 Jahren ebenfalls Synoden durch und bestätigten dabei im Großen und Ganzen den römischen Kanon.

Der Natur der Sache folgend, gab es in der Folgezeit regional immer mal wieder Unterschiede. Einige Gemeinden erkannten den Hebräerbrief nicht an, andere bezweifelten die Echtheit des 2. Petrusbriefes, bei weiteren fehlte der Philemonbrief.

Texte, die eigentlich nicht von Aposteln stammen

Warum der Hebräerbrief als von einem Apostel stammend oder autorisiert galt, ist unklar. Die Meinung, dieser Brief sei von Paulus, war zwar weit verbreitet, aber keineswegs unumstritten. Aber der Hebräerbrief wurde schon sehr früh in viele Sammlungen aufgenommen, er scheint also durch seine besondere Qualität überzeugt zu haben.

Das Markusevangelium wurde als von einem Apostel autorisiert anerkannt, weil man davon ausging, dass Petrus letztlich hinter diesem Evangelium steckte (es also "genehmigt" hatte oder zum Großteil sogar die Fakten geliefert hatte zu dem, was Markus geschrieben hatte). Und Lukas hat ganz offensichtlich so viele Augenzeugenberichte gesammelt und hat zudem lange mit Paulus zusammen gearbeitet, dass seine Berichte anstandslos als von Aposteln stammend durchgingen.

Inspiration
Als die Kirche die direkte Beziehung zu Gott verlor und in Lehrstreitigkeiten und Machtkämpfen versank, brauchte man eine Waffe, um beweisen zu können, dass die Bibel recht hat. So erfand man die "Inspiration", was bedeuten soll, dass die Texte der Bibel in besonderer Weise vom Heiligen Geist eingegeben wurde, also vom Heiligen Geist inspiriert wurden. Der erste, von dem wir wissen, dass er diese Waffe benutzte, war Athanasius im Jahr 367 n.Chr. - bis dahin war man 300 Jahre ohne "Inspiration" ausgekommen.

Da die biblischen Texte selbst nichts darüber sagen, trieb die Frage, wie denn die Inspiration zu verstehen sei, prächtige Blüten. Von der Verbalinspiration, die davon ausgeht, dass jedes einzelne Wort göttlichen Ursprungs ist, bis zu sehr milden Formen der Inspiration, war zu allen Zeiten jede Meinung vertreten. (2.Tim 3:16 kann höchstens von der Inspiration des Alten Testamentes sprechen, denn das Neue gab es noch nicht, und 2.Pe 1:21 spricht von Weissagungen des alten Testamentes, aber nicht von der Inspiration des Gesamtwerkes.)

Den "Beweis" der Inspiration braucht man eigentlich erst dann, wenn man die Bibel von der persönlichen Bekanntschaft mit Gott getrennt hat und als reinen Gesetzestext in Machtkämpfen benutzt. Dabei wird aber übersehen, dass ein Text, der von der persönlichen Beziehung zu Gott getrennt wird, ohnehin nicht mehr "Wort Gottes" ist, denn Gott ist an einer Einhaltung von Regeln ohne eine tiefe Liebe zu ihm sowieso nicht interessiert. Da hilft dann auch alle "Inspiration" nichts, ohne die persönliche Bekanntschaft mit Gott ist der Text leer und sinnlos.

Menschen, die Gott so gut kennen, dass sie ihm rückhaltlos vertrauen, trauen ihm in der Regel auch zu, dass er ihnen seinen Willen so oder so mitteilen kann. Gott kann seinen Willen auch durch fehlerhafte Bibeltexte oder unvollständige Bibel den Menschen kundtun, die wirklich nach seiner Wahrheit suchen. Und so viel Vertrauen darf man schon zu Gott haben, dass er dafür gesorgt hat, dass wir heute Texte in der Bibel haben, die das wiedergeben, was Gott uns sagen will.




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